ZAKIR AND HIS FRIENDS
Vom Rhythmus des Herzens Nicht nur über das Trommelfell, auch über die Netzhaut breiten sich die unwiderstehlichen Rhythmen aus.
Die interessantesten Trommler und Perkussionisten aus aller Welt bringt Lutz Leonhardt in "Zakir and his Friends" zusammen. Sein Film handelt nicht von der Musik, sein Film ist Musik.
Musik kann sehr gut ohne viele Worte auskommen. Auf wunderbare Weise zeigt uns dies der filmende Musiker Lutz Leonhardt. Seine über mehrere Jahre hinweg entstandene Produktion "Zakir and his Friends" ist ein Musikfilm in Reinform, der weder irgend etwas erklären will noch neunmalklug mit Namedropping aufwartet. Die Musik steht in diesem Film für sich, und wir sind eingeladen zu schauen, zu lauschen, zu staunen, in jenen Rhythmus einzustimmen, den die Filmenden um den Erdball herum ausgemacht haben, in Bildern aufzeichneten und in Montagen aufgreifen. "A rhythm experience" nennt Leonhardt seine Arbeit - eine eigenständige Erfahrung in Sachen Rhythmus. Kodo, Coulibaly und die andern
Es gibt im wesentlichen drei Ebenen in diesem Film: Eine erste ist die musikalische Annäherung an die Person des indischen Tabla-Spielers Zakir Hussain, mit dessen ungemein behend tänzelnden Fingern Leonhardt einsteigt, der visuell wie akustisch die Leitmelodie spielt. Eine zweite sind die Musikerinnen und Musiker, die im virtuellen Raum des Filmes zusammengeführt werden, ohne dass sie real zusammenkommen müssen, die über die raffiniert verschobene Ton-Bild-Montage ihren Beitrag leisten: The Boys and Girls of Chuao, Les frères Coulibaly, George Brooks, Kodo, Renegades und Suar Agung. Als drittes sind da Bilder von Rhythmen des Alltags, die mit zum Ganzen verschmolzen werden, auf dass sich die Schwingungen nicht nur übers Trommelfell, sondern auch über die Netzhaut ausbreiten. Dazu kann das Schlagen der Wäsche gehören, das Dreschen des Korns, eine Metallplatte, über die Autos fahren. Bildmusik kann auch ein kleiner roter Drachen spielen, der zwischen zwei Drahtseilen tänzelt, als würde er die Noten zu den Klängen setzen, die wir hören.
Die älteste Globalisierung
Ein Film über die Musik würde all die Musizierenden einzeln vorstellen und einordnen. "Zakir and his Friends" strebt genau dies nicht an, will selber musizieren und tut das tänzelnd leicht. Wundersam stimmt uns Lutz Leonhardt mit seinem Kameramann Felix von Muralt von Kontinent zu Kontinent auf die ganz besonderen Schwingungen ein. Da trommelt der Inder in der Tradition seiner Ahnen auf den Tablas, dort spielt die balinesische Formation auf ihren Bambusinstrumenten, auf Trinidad erklingen die Steeldrums, in Venezuela die Körper von Kindern selber, und auf der japanischen Insel Sado dreschen die Kodo-Artisten schweisstriefend auf ihre überdimensionierten Instrumente ein. Mit einem Mal tanzen da nicht mehr nur die Finger, es wogen ganze Körper im Takt der kraftvollen Schläge. Gleichsam mit den Schwingungen sind auch wir als lauschend Schauende in diesem Film dauernd unterwegs, nicht nur, um von der einen Ecke der Welt zur anderen zu gelangen, auch und ganz einfach, um die Schwingungen des Alltags wahrzunehmen und auf Zusammenhänge zu stossen. So mögen die Frauen im schwarzafrikanischen Dorf wild tanzen, bis klar wird, dass die Musik dazu über die Tonspur längst von anderswo kommt. Visuell sind wir im Zug in Indien unterwegs oder auf einer Fähre in Japan. Ein sanftes Klopfen ist auf dem Schiff wahrnehmbar, wie eines jener pochenden Motorengeräusche, die wir von eigenen Reisen kennen. Doch schon stellt sich im ansteigenden Klangvolumen und dem Schnitt in den Konzertsaal heraus, dass das vermeintliche Alltagsgeräusch Teil einer musikalischen Aufführung ist. Umgekehrt bewegen wir uns mit Zakirs Tabla-Klängen gleich mehrmals fliessend in die Realität hinein, in den Alltag des Musikers auch, aus dem heraus uns der Filmer ganz beiläufig in wenigen Einstellungen den Bau der Instrumente skizziert. Sichtbare Töne
"Zakir and his Friends" ist ein Musikgemälde, auf dem die Töne sichtbar sind. Das Gesicht des Musikers kann darauf zum Resonanzkörper werden, nicht nur dort, wo mit dem Körper selber Musik gemacht wird. Die weitgeöffneten Augen scheinen im Spiel in jene Klangwelt hinüberzublicken, von der uns der Film eine Ahnung vermittelt. Lutz Leonhardt arbeitet mit Rhythmen, die Kontinuität schaffen und Gemeinsamkeiten in der Unterschiedlichkeit wahrnehmbar machen. Jedes Bild kann da den nächsten Klang ergeben, jeder Klang das nächste Bild. Am Ende ist es Alla Rakha, der alte Vater von Zakir, Tabla-Meister auch er, der seinen Blick hebt und dem letzten Ton nachblickt, wortlos und unmissverständlich glücklich.
Tagesanzeiger vom 19.10.1998, von Walter Ruggle